Weekly Urbanauth: Exarchia in Gefahr und Hong Kong inzwischen seit 14 Wochen auf der Straße

Die wichtigsten News auf einen Blick – Unsere wöchentliche Presserevue der Kalenderwoche 35. Das autonome Viertel Exarchia in Athen unter Behördendruck, Hongkongs 14. Protestwoche im Überblick und E-Scooter die gar nicht ökologisch sind – Unsere Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichten.

Urbaner Raum und Aneignung

Athens einzigartige Hausbesetzerszene um Exarchia in Gefahr

Das Stadtviertel Exarchia im Norden der griechischen Hauptstadt besteht aus einem einzigartigen Mikrokosmos an Hausbesetzungen. Seit einigen Wochen im Visier des kürzlich gewählten Premierminister Kiriakos Mitsotakis, spitzt sich die Lage im Norden Athens zu. Mit seinem Wahlversprechen “Recht und Ordnung” hatte er dem freien Viertel Exarchia den Kampf erklärt. Etwas, dass sich seit den Ausschreitungen von 2008 schwierig gestaltet, denn die griechischen Ordnungshüter sind dort seit dem Tod eines Minderjährigen durch Polizeigewalt und Vorwürfen der Diskriminierung nicht gerne gesehen.

The Guardian veröffentlichte einen Artikel über dieses anarchistisch-autonome Viertel. Das Kollektiv der Aktivisten um Void Network nennt dabei eine Zahl von insgesamt 23 Besetzungen in Exarchia selbst sowie weiteren 26 im angrenzenden Bereich. Ein kleines alternatives Ökosystem entstand über die Jahre, das von anderen selbstbestimmten Konzepten wie dem Freien Sozialraum Nosotros oder dem Free Shop Skoros begleitet wird. Umgeben von Universitätsgebäuden, beherbergt diese urbane Insel der freien Räume ein Solidaritätsnetzwerk, welches um die 1000 Flüchtlinge in Unterkünften beherbergt. Eine davon ist die Nottara 26, welche während 2015 zu den ersten Besetzungen gehörte, welche seine Türen Menschen aus aller Welt öffnete. Solche selbstverwalteten Häuser bieten dabei eine bessere Unterbringung, in der die Menschenwürde respektiert wird, als überfüllte Flüchtlingslager und gerade für Familien mit Kindern oder isolierte Minderjährige wichtig.

Vier Zwangsräumungen in einer Woche

Den 25. August, gegen 6 Uhr Morgens wurde das Spirou Trikoupi 17 geräumt. Ihre Odysee ist auf Ihrer Facebook-Seite zu verfolgen, in welcher sie berichten, dass die griechischen Behörden vorhaben, die Bewohner auf verschiedene Flüchtlingscamps in Griechenland zu verteilen. Dies trifft besonders die Kinder, welche in Exarchia zur Schule gingen, aber auch die ganze Gemeinschaft, da die verschiedenen Hausbesetzungen über solidarische Netzwerke verbunden sind. Von weiteren Zwangsräumungen betroffen waren ebenfalls die Besetzungen Transito, Rosa de fuego und Gare. Am Freitagmorgen, fünf Tage später, kam es zu einer Razzia im selbstverwalteten Haus K*VOX, während am Abend zuvor Polizisten Tränengas in den geschlossenen Räumen eines Bürgercafes einsetzten. Urbanauth bleibt für Euch dran!

Protestbesetzung durch Migranten im Norden von Paris -Für ein Recht auf eine menschenwürdige Unterkunft

Anlässlich der sich seit Jahren degradierten Lage für isolierte Minderjährige, Familien oder auf sich gestellte Frauen hat der Verein Utopia56 für eine Woche einen Abschnitt des Parc de la Vilette im Norden von Paris besetzt. Insgesamt 150 Personen, darunter 63 Minderjährige, nahmen mit Unterstützung des Vereins an der Aktion teil. Das Camp der Migranten wurde am Mittwoch eine Woche nach Beginn der Besetzung von der Polizei geräumt. Die Protestbesetzung geschah im Rahmen eines Aufrufs zum Recht auf eine menschenwürdige Unterkunft. Fehlende Sanitäranlagen und Räumen mit Privatsphäre geht dabei Hand in Hand mit der Ungewissheit und dem mentalen Stress in vorübergehenden Unterkünften untergebracht zu werden.

Der Verein Utopia56, welcher sich der Unterstützung von Migranten verschrieben hat, bietet ihnen Unterkünfte, Hilfe bei der Verteilung von Lebensmitteln, Schlafsäcken und Zugang zur Gesundheitsversorgung (Krankenhausaufenthalte). Mit 11.000 Mitgliedern (Stand Juni 2019) ist der Verein in Calais, Lille, Paris, Rennes, Toulouse und Tours vertreten.

Stadt und Mensch

Die Lage in Hongkong spitzt sich weiter zu

Vergangenen Samstag kam es in Hongkong wieder zu Massenprotesten und Zusammenstößen mit der Polizei.
Am Sonntag haben hunderte Aktivisten Backsteine, Metallstangen und Felsbrocken auf die Schienen der Flughafen-Zuglinie geworfen.
Der Zugverkehr zum Flughafen wurde kurzzeitig ausgesetzt, zu Flugausfällen kam es nicht.
Die Polizei vertrieb die Demonstranten, die auch die Zufahrtsstraßen zu den Terminals mit Gepäckwägen verbarrikadierten, mit Wasserwerfern und Pfefferspray, wie die Zeit berichtete.
Die seit Juni andauernden Proteste wegen des umstrittenen Auslieferungsgesetz an China, der Extradition-Bill, spitzen sich immer weiter zu und die chinesische Regierung sieht sich stark unter Druck gesetzt.
Der Gesetzesentwurf ist mittlerweile eingefroren, doch noch nicht komplett vom Tisch. Und Peking reagiert mit scharfen Drohungen, wie die Tagesschau berichtete. Die Zentralregierung werde niemals zulassen, dass das Chaos auf unbestimmte Zeit anhält.
“Wenn sich die Lage in Hongkong weiter verschlechtert und es zu einem Chaos kommt, das von der Regierung der Sonderverwaltungsregion nicht kontrolliert werden kann und das die Souveränität und Sicherheit des Landes gefährdet,
dann wird die Zentralregierung nicht untätig bleiben”,
sagte Xu Luying, die Sprecherin des Büros für die Angelegenheiten Hongkongs und Macaus. Gemeint ist hier ein laut Gesetz legales militärisches Eingreifen von Peking in Hongkong.

Stadt und Mobilität

E-Scooter nicht so umweltschonend wie gedacht

In den vergangenen Monaten sorgten E-Scooter in den Medien vor allem durch Verkehrsunfälle, in die sie verwickelt waren, für Schlagzeilen. Nun kommt heraus, dass sie nicht einmal ökologisch sind! Das behauptet zumindest heise online, die wiederum eine Studie der North Carolina State University zitiert. In der Studie wurden alle Emissionen inklusive Herstellung, Transport, Laden, Einsammeln und Entsorgung der Scooter berechnet. Und siehe da, bis zu 200 Gramm CO2 pro Meile verbrennen die Fahrzeuge – was mehr entspricht als es bei einem normalen Dieselbus mit hohem Auslastungsgrad der Fall ist.

Ein intelligentes Segel für Frachtschiffe

Frachtschiffe sind das Transportmittel, wenn es darum geht, große Warenmengen aus einer Metropole in eine Andere zu schicken. Dabei erstreckt sich der zurückgelegte Weg nicht selten über Kontinente. So werden etwa zwei Drittel des weltweiten CO2-Austoßes von Frachtschiffen verursacht, also mehr als eine Milliarde Tonnen pro Jahr. Außerdem fahren viele Frachtschiffe mit billigem Schiffsdiesel, dadurch entstehen zusätzlich Schwefel- und Stickstoffemissionen. Ein neues Segel soll diesen Umständen entgegenwirken und die Emissionen eines Frachters um 40 % senken.
Das Segel soll bei rauer See seinen Betrieb automatisch einstellen und sich bei schönem Wetter automatisch zum Wind hindrehen.
Das “Wingsail” der spanischen Firma Bound4blue befindet sich momentan in der Entwicklungsphase und soll in fünf Jahren erste Gewinne abwerfen. Weitere Informationen zu dem Projekt finden sich in diesem Blogbeitrag von reset.org.

Dieser Artikel ist in Englisch und Französisch verfügbar.

Das Titelbild stammt von Michael Sterneck / CC By-NC-NS-2.0