Venedig: Die Stadt ist noch zu retten!

Die Ursache für die häufigen Hochwasser in der Lagunenstadt mitte November 2019 liegt an einer speziellen Wetterlage, wie sie zwischen September und April auftreten kann. Der Höhepunkt war dabei bis dato immer im November. Das Wasser stieg dieses Jahr zum ersten Mal seit Beginn der Messungen dreimal innerhalb einer Woche über den Normalstand und überschwemmte fast ganz Venedig.

Politische Fehlentscheidungen und Klimawandel als entscheidende Faktoren für das Drama um Venedig

Normalerweise liegt der Wasserstand bei einer Flut um 90 cm höher. Bei “Acqua alta”, wie die Venezianer ihr Hochwasser nennen, und einem Stand von 110 cm sind zehn Prozent Venedigs überschwemmt. Ab einem Stand von 140 cm wird der Notstand ausgerufen, da in einem solchen Falle 90% der Stadt unter Wasser liegt. Hauptursache für die Häufung der Extremfluten ist der menschengemachte Klimawandel. Aber auch die Vertiefungen der Hafeneinfahrt für Kreuzfahrtschiffe und Erdöltanker im Hafen Porto Marghera sind ein Faktor. Beim Abtragen der Lagune wird wertvoller Sand mit den darin wachsenden Pflanzen vom Meeresgrund entfernt.

“In Salzmarschen und auf Sandbänken brechen Pflanzen die Kraft der Wellen und ihre Wurzeln halten den Boden. Algen- und Bakterienmatten verlangsamen den Verlust von Sand und Schlick.”

Universität Karlsruhe (Projekt M.O.SE), Stand: 27.11.19

Sand und Schlick wirken also normalerweise als Flutstopper, jedoch ist durch die Stadtverwaltung immer wieder eine Abtragung angeordnet worden (focus.de). Zugunsten von Tourismus-Einnahmen. Besonders paradox ist, dass die Stadt jahrzehntelang den Hochwasserschutz vernachlässigt hat und aktiv durch die Förderung des Massentourismus die Auswirkungen und Häufigkeit der Fluten begünstigt hat.

MO.S.E: Das Sperrwerk gegen die Fluten

Nach der verheerenden Flut von 1966 wurde in den achtziger Jahren das Projekt MO.S.E ins Leben gerufen und 2003 der Grundstein für das Sperrwerk gelegt. Seit nunmehr 17 Jahren baut die Stadt an dem noch unvollendeten Projekt. Was in Deutschland der BER ist, ist in Venedig MO.S.E. Gründe für die Verzögerungen sind technische Pannen, Korruption und der häufige Wechsel von Verantwortlichen (Spiegel Online).

78 Flut-Tore sollen im Extremfall die Lagune vor einer Flut von maximal drei Metern Höhe bewahren, wie the Guardian berichtete. Die Tore liegen im Normalfall am Meeresgrund und sind gänzlich mit Wasser gefüllt. Bei einer Flut werden die Tore mit Pressluft gefüllt und können so aufgerichtet werden. Das Projekt hat bis 2013 5,4 Milliarden Euro verschlungen und wird bis zur Fertigstellung, die im Moment für 2021 geplant ist, noch weiterer Millionen bedürfen. Kritiker bemängeln, dass ein von 1984 bis 1996 entworfenes System möglicherweise den heutigen Anforderungen nicht genüge. Dies, da der Klimawandel stärkere Auswirkungen hat als damals angenommen und zusätzlich weitere Schlammentnahmen in der Lagune zu Venedig erfolgten. Außerdem kann das Sperrwerk nicht jeden Teil Venedigs vor Hochwasser schützen. So wird es beispielsweise erst ab einer kritischen Zunahme von 1,10 m Wasser hochgefahren. Allerdings sind bei diesem Wasserstand schon zehn Prozent der Stadt überschwemmt.

Zukünftiger Anstieg des Wasserpegels

Aufgrund von Berechnungen mit dem Simulationstool der NASA wird bis zum Jahr 2100 der Meeresspiegel in der Lagune von Venedig um circa 32 cm gestiegen sein. Das Tool berücksichtigt das Abschmelzen von Eisschilden und berechnet das durchschnittliche Ansteigen des Meeresspiegels pro Jahr für jeden Ort auf der Erde. Gleichzeitig werden auch die Böden unter Venedig durch natürliche Prozesse absinken und dadurch werden die Hochwasser immer extremer ausfallen. Wie eine Studie im Magazin “Water” von Antonio Vecchio (Institut für Geographie und Vulkanologie Rom), Marco Anizidei et al. vom 16. Juli 2019 beschreibt, werden die Böden unter Venedig um 3,3 Millimeter pro Jahr absinken.

Fazit für das Jahr 2100

Wenn man die natürlich bedingte Absinkung des Bodens unter der Stadt zur Erhöhung des Wasserpegels rechnet und das Ergebnis zur momentanen Höhe einer starken Flut addiert, bekommt man einen Gesamtunterschied zwischen Venedigs Landmasse und dem Meeresspiegel von über 2,5 Metern.

Nichtsdestotrotz ist, wenn Venedig es schafft das Projekt MO.S.E fertigzustellen, die Stadt nicht – entgegen der Berichterstattung vieler Medien – dem Untergang geweiht und über das Jahr 2100 hinaus sicher vor schlimmen Fluten. Das Sperrwerk kann eine drei Meter hohe Flut verkraften. Nun liegt es an der Stadtverwaltung, den Bau von MO.S.E voranzubringen.

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