Stadtentwicklung München : Das Kreativquartier

View from the Reitstraße in Munich.

Stadtentwicklung München: Man will sich Hip. Man will sich kreativ. Und man hat einen großen Wohnungsmangel. Zeit, dass sich was ändert? Mit dem Kreativquartier wagt sich Bayerns Hauptstadt in einen neuen Urbanismus und legt die Messlatte hoch für Deutschland.

“Wohnen, Arbeiten sowie Kultur, Kunst und Wissen vereinen”.

Ist die Zeit für einen neuen “Urbanismus” in der Stadtentwicklung von München gekommen?

Auf dem Gelände, dass die lokale Kunst- und Kulturszene von München beherbergt, kommt ein Kreativquartier. In Sachen Stadtentwicklung soll die Geschichte des Ortes mit der Gegenwart verknüpft werden. Und das 20 Hektar große Areal verspricht einiges an Potenzial.

Ganze 15 Jahre reifte die Idee ein kreatives Quartier auf dem ehemaligen Gebiet der Luitpoldkasernen und Umfeld zu errichten. Als Mischnutzung vorgesehen, soll es dabei Wohnen, Arbeit, Kunst, Kultur und Innovation vereinen. Das Kreativquartier soll dabei aus vier verschiedenen Raumunterteilungen bestehen: Kreativfeld, Kreativlabor, Kreativpark und Kreativplattform.

Im Mai 2019 wurde ein weiterer Meilenstein gelegt: Der Bebauungsplan für die zwei Südlichen von insgesamt vier Teilquartieren wurde ausgesprochen. Für die Flächen des zukünftigen Kreativpark sowie der Kreativplattform geht es nun in die nächste Etappe. Von dem zukünftigen Kreativquartier kann man viel erwarten. Doch auch geschichtlich hat das Gelände einiges zu bieten.

Stadtentwicklung in München : Von den Rüstungsfabriken zum Kreativquartier

München : Blick auf die Schwerer-Reiter Straße und die Prinz-Luitpold Kaserne im Norden um 1900. (Urbanauth / Public Domain)

Das International Munich Art Lab hat 2018 eine Ausstellung “Von der Waffenschmiede zum Kunstareal” organisiert, in welcher Sie der Vergangenheit des zukünftigen Kreativquartieres auf die Spur gehen.

Auf einem Teil des Geländes befanden sich um das Jahr 1900 die Artillerie-Werkstätten von München. Über 1000 Rüstungsarbeiter produzierten dabei während 12-Stunden Schichten Kriegsgüter. Die Anzahl der Arbeiter versechsfachte sich dabei kurz vor dem 1. Weltkrieg.

Zwischen 1931 und 1944 wurden dort Getriebe für Jagdbomber hergestellt. Die Unternehmen Cyclo sowie Daimler-Benz beuteten dabei Zwangsarbeiter aus. Große Teile des Geländes wurden 1944 von der Royal Air Force zerbombt.

Nach einer Nutzung als Kasernen durch die amerikanischen Allierten, ging das Gelände in die Hand der lokalen Kulturszene über. So beherbergt dieses neben dem berühmten Veranstaltungsort Import & Export auch die Halle 6, sowie das MUCCA, Münchens urbanes Kunst-Museum. Die Kultur auf dem Gelände geht dabei nach wie vor weiter.

Auf der Internetseite Kreativquartier im Prozess wird der Prozess dieser urbanen Entwicklung partizipativ dokumentiert. In einem Online-Archiv können dabei Personen Bilder zum Gelände hochladen. Neben regelmäßigen Veranstaltungen wird auf dem Kreativquartier jeden 2. Donnerstag ein Spaziergang veranstaltet.

K wie Kreativ. Q wie Quartier. Stadtentwicklung in München. Kultur. Innovation. Wohnungen.

Auf einen Sprung in die Halle6 ? – Wohl erstmal noch auf unbefristete Zeit möglich. (Urbanauth / 2019 / München)

Das Wohngebiet auf der Kreativplattform ist als Blockrandbebauung vorgesehen, sodass es im Erdgeschoss Platz für kommerzielle Aktivitäten geben wird, aber ebenso Platz für Kindertagesstätten. Dabei sollen die bestehenden denkmalgeschützten Gebäude renoviert werden und in Einklang zu den Neubauten zeitgenössischer Architektur stehen.

Die Industriedenkmäler der Jutier– und Tonnenhalle, zwei ungefähr 100 Meter lange Betonkonstruktionen aus dem Jahr 1926, sollen vollständig neu instand gesetzt werden. Neben dem Bau einer Tiefgarage sollen vor allem Räume als Kunststätten und zur Kunstschaffung entstehen.

Außerdem hat der Stadtrat Untersuchungen in Auftrag gegeben. Es wird die Möglichkeit untersucht eine Tram-Haltestelle hinzuzufügen, sowie den Verkehrsfluss neu zu ordnen.

Urban und innovativ: Was ist das Munich Urban Colab ?

Kluge Lösungen für die wachsenden Städte der Zukunft entwickeln. Das Kreativquartier wird ein Gründer- und Innovationszentrum bekommen. Mit dem Munich Urban Colab bekommt die Gründer und Start-up Szene einen wertvollen Ort. Außerdem wird damit der IT-Standort München gestärkt.

So soll mit dem “Munich Urban Colab” ein Gründer- und Innovationszentrum für Smart City Solutions einziehen und München als IT-Standort stärken. Dem Start-Up Portal “Munich Start-Up” zu Folge soll Munich Urban Colab 2021 eröffnet werden können.

“Das Munich Urban Colab soll neue Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit ermöglichen. Dabei stehen Lösungen für die Stadt der Zukunft im Fokus. Technologiegetriebene Innovationen in den Bereichen Mobilität, Wohnen und Arbeiten, Künstliche Intelligenz oder Energieversorgung sollen entwickelt und erprobt werden. Dieser Ansatz ist einzigartig und er birgt die Chance, dass München dadurch eine internationale Vorreiterrolle bei der Entwicklung von Smart-City-Lösungen einnimmt. “

Clemens Baumgärtner / Referent der Stadt München für Arbeit und Wirtschaft

Das Munich Urban Colab soll der Süddeutschen Zeitung zufolge über 250 Start-Ups beherbergen und wird von der Unternehmer TUM betrieben. Die Unternehmer TUM ist das Gründerzentrum der Technischen Universität von München. Durch den Beschluss wird auch ein Baurecht für die Erweiterung der Hochschule ermöglicht. Unter anderem befindet sich die Fakultät für Design bereits an der Lothstraße 17.

Wohnungen. Wohnungen. Und noch mehr Wohnungen.

Ganz schön viel Platz für Wohnungen. Das Areal des zukünftigen Kreativquartier aus der Vogelperspektive. (Foto: Stadt München / Public Domain)

Der Bebauungsplan für das nordöstliche Kreativfeld ist bereits seit 2017 in Kraft. Dieser beinhaltet 385 Wohnungen. Die Kreativplattform wird dabei weitere Wohnflächen beherbergen.

Auf dem neun Hektar großen Areal entstehen 341 Wohnungen durch und für die Stadtwerke München Gmbh (SWM) und Teil ihrer “Ausbauoffensive Werkswohnungen“. In dessen Rahmen wollen die Stadtwerke bis 2030 ganze 2500 Wohnungen für ihre eigenen Mitarbeiter bauen.

Im Mai dieses Jahres zog der Stadtrat dabei nochmal nach. Grünes Licht für zwölf Bauquartiere und 370 Wohnungen. Diesmal auf dem Gebiet des Kreativfeldes. Der Wochenanzeiger München berichtet, dass sich dabei über die Hälfte der Wohnungen in der Hand der städtischen Wohnbaugesellschaft GEWOBAG befinden werden. Dadurch soll bezahlbarer Wohnraum gewährleistet werden. Innovativ: Alle Gebäude müssen in Holzbauweise errichtet werden.

Der Artikel wurde am 14.07.2020 aktualisiert.


Europa: Europan 15 – Im Zeichen der produktiven Stadt

Saint Ouen Im Wandel - Ein Beispiel von zeitgenößischer Architektur
Das Logo der Europan

Die Europan 15 feierte 2019 ihren dreißigsten Geburtstag. Und mit Ihr, die zeitgenössische Architektur Europas. Der europäische Wettbewerb für junge Architekten unter vierzig Jahren will die Stadt neu denken und gemeinschaftliche Lösungsansätze fördern. Über ein Netzwerk von 250 Städten und 20 Ländern in Europa werden jedes Jahr Flächen und Gelder für innovative Projekte freigegeben. Das diesjährige Leitthema: Die produktive Stadt 2.0.

Damit wiederholt die Europan die Vorgabe von der 14. Edition (2017) und reiht sich in die Bemühen ein, der Stadtentwicklung in seiner Komplexität und gesellschaftlichen Bedeutung gerecht zu werden.

Die Architektur und Quartiere mit der Stadt als Ganzes in Einklang zu bringen und dabei ressourcenschonend vorzugehen, ist eine Herausforderung, der sich die Architekten stellen. Übergangsprozesse spielen dabei genauso eine Rolle wie der ökologischer Häuserbau.

Holz als Bausubstanz kommt wieder in Mode. Ein öffentliches Gebäude in Saint Ouen (93)

Die Produktive Stadt – eine Kreislaufwirtschaft

In diesem Zusammenhang sollen sich die Bewerber Gedanken zur Syngerie zwischen der Stadt und produktiven Orten machen. Dies kann mit der Neunutzung von Zwischenräumen zwischen Wohnen und Produktion geschehen und beinhaltet Restflächen oder brachliegende urbane Strukturen.

Im Sinne einer Kreislaufwirtschaft sollen Ressourcen dem Kreislauf durch Recycling oder Aufarbeitung wieder zurückgeführt werden. Vorhandenes Material soll dabei im Sinne der Sharing Economy effektiver genutzt werden. Als konkrete Beispiele kann man Car-Sharing-Angebote sowie Werkzeugverleih-Dienste nennen.

Ganz im Sinne der Open Innovation öffnen sich Unternehmen bei der Produktentwicklung einem breiteren Spektrum und ziehen ihre Nutzer mit ein. Das können diese auf lokal-politischer Ebene mit Open Source basisdemokratischen Bürgerplattformen durchführen, wie z.B. Decidim in Barcelona. Darüber hinaus werden dadurch die Mitbestimmung und der Zusammenhalt in der Gesellschaft gestärkt.

Die Beziehung von Funktion und Nutzung und die Stadt als Ökosystem stellen dabei einen Teil der sozialen Überlegungen dar. Das Zusammenspiel von Alt und Neu, den Bürgern und ihrer Umgebung liegen im Blickpunkt der Europan. Die produktive Stadt möchte sich dabei von der dualistischen Sichtweise losgelöst sehen und betrachtet die Stadt von Morgen als einen Ort der Synergien.

Nicht die Europan aber voll im Zeitgeist. Könnten so einige Projekte der 15. Edition aussehen?

Ressourcen, Mobilität und Fairness

Gemeinschaftliche Lösungsansätze: Die Schwerpunkte sind dabei um drei Hauptthematiken gelegt: Ressourcen, Mobilität und Fairness.
Ressourcen: Im Zusammenhang von Effizienz, Verbrauch und Verschmutzung geht es um die Frage, wie mit diesen umgegangen wird und diese verteilt werden.
Nähe im urbanen Raum schaffen, Distanzen zu verkleinern und barrierefreie Orte der produktiven Stadt, sind dabei die gesetzten Ziele um eine größere Mobilität zu ermöglichen. Die Fairness stellt sich der Problemstellung, wie räumliche Gleichheit zur sozialen Gerechtigkeit beitragen kann und beide verbunden werden können. Die Harmonie zwischen urbanen und ländlichen Gebieten, sowie arm und reich, stehen dabei im Fokus.

Die Europan 2019 reiht sich damit zum 15-mal in die progressiven Recherchen nach nachhaltigen Raumansätzen ein und denkt die Stadt von Morgen.

Raumunterteilungen

Die zu entwickelnden Flächen werden wiederum in drei verschiedene Raumgrößen unterteilt: XL, L, S

Die Größe XL bezeichnet den breitesten Handlungsraum, welcher auch Räume zwischen Städten betreffen kann und das Verhältnis Stadt-Land beinhaltet. Es gilt die Beziehungen verschiedener Kreisläufe auf regionaler Ebene zu untersuchen.
Die Größe L betrifft Stadtteile, wobei sich die Gedanken hauptsächlich um städtische Quartiere drehen. Diese sind Flächen, welche sich natürlich von ihrer Umgebung hervorheben.
Die Mikroebene S befasst sich mit den Eingriffen, welche am schnellsten zu verwirklichen sind und ebenso nur temporär wirken.

Die Teilnehmer der diesmaligen EUROPAN

In Zentral-Europa sind ehemalige Industriestädte bei den Europan-Teilnehmern beliebt.

In Frankreich ist Marseille mit seinen maroden Vierteln vorne mit dabei. Und während mit Romainville und Champigny-sur-Marne zwei Banlieues im Pariser Raum teilnehmen, ist mit Auby eine Kleinstadt von 7600 Einwohnern gewählt worden, die zugleich größter Zinkproduzent im Land ist. Auby liegt im strukturschwachen Norden von Frankreich. Und auch das französischsprachige Charlerois in Belgien reiht sich in die ehemals stark industrialisierten Städte ein, die diese Raumentwicklungen begrüßen.

In Deutschland nehmen neben Selb ( Oberfranken) die Städte aus dem Bergischen Land: Hilden, Ratingen, Solingen und Wülfrath gemeinsam teil, um eine “Bergische Siedlung” zu entwerfen. Dabei werden sowohl Ackerflächen, als auch alte Industriegelände bebaut. Das Besondere: Alle Größen der Raumunterteilungen sind in diesem Projekt vertreten.

Update (18.02.2020, Oliver): Die Gewinner unter den Teilnehmer für die deutschen Standorte lassen sich auf der offiziellen Website einsehen. Neben der Namen sind dort auch die Tafeln mit detaillierten Bebauungsplänen hinterlegt. Für den Standort Selb finden sich die Ergebnisse hier und für den Standort Bergische Kooperation hier.

Von der Kooperation “Zwischen Rhein und Wupper” wurden die Städte mit ehemals starker Textil- und Metallindustrie nicht umsonst zur Verfügung gestellt. Im Rahmen eines ihrer Pilotprojekte werden zukunftsweisende Quartiersentwicklungen unterstützt. Und die ausgewählten Bereiche liegen in einer Zone, die für den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel in Betracht gezogen wird.

Der europäische Wettbewerb für junge Architekten ist nicht ohne Grund ein Vorreiter der neuen Architektur. Die Stadt von Morgen denken. Dies hat die produktive Stadt wie kein anderes Konzept integriert: Wohnen und Arbeiten in einer gesunden Umgebung. Aber auch die Wahl der Standorte ist gut durchdacht. Durch die Revitalisierung alter Industriestandorte wird ein echter Mehrwert geschaffen. Heute die Architektur der Zukunft bauen: Das ist die Europan

Artikel und Symbolfotos aus Saint Ouen: Vincent – Fotos von Solingen bereitgestellt durch die Europan Deutschland

Dieser Artikel wurde am 18.02.2020 von Oliver aktualisiert / Update
Dieser Artikel wurde am 01.04.2020 von Vincent aktualisiert / Layout