Weekly Urbanauth 33: E-Roller Verbot, sterbende Innenstädte in England und ein französischer Journalismus der in der Krise steckt

The sculpture of a woman wears a white fabric cover on which it says printed: Where is Steve?

Die wichtigsten News auf einen Blick – Unsere wöchentliche Presserevue der Kalenderwoche 33. Verbot von E-Rollern in Mailand, sterbende Innenstädte in England, bald neue Hausbesetzungen in Berlin, sowie der französische Journalismus der in der Krise steckt – Unsere Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichten.

Stadt und Mensch

Sterben Englands Innenstädte aus?

10,3 Prozent lautet die alarmierende nationale Leerstandsquote vom Juli. Damit erreicht die Zahl der leeren Geschäfte in den Innenstädten Englands laut dem BRC (British Retail Consortium) Springboard-Frequenzmonitor seit 2015 den höchsten Stand, so berichtet Independent.

Laut Helen Dickinson, Chief Executive des BRC, waren die Einzelhändler mit einem herausfordernden Umfeld konfrontiert. Vielfach ausserhalb der Stadt gelegene Retailparks würden erfolgreich die Lücke zwischen Komfort und Erfahrung, welche immer mehr die Verbrauchernachfrage dominiere, schliessen. Zugängliche Einkaufsumgebungen mit kostenlosen Parkplätzen und einfachen Click-and-Collect-Möglichkeiten für Online-Einkäufe würden kombiniert mit Cafés, Restaurants und möglicherweise sogar Freizeiteinrichtungen – was zu einem verbesserten Erlebnis führe.

So schnitten ausserhalb gelegene Shopping Malls im letzten Monat mit einem Anstieg der Besucherzahlen von 1,2 Prozent besser ab als dies bei den Frequenzen der Hauptstrassen der Fall war: Diese ging im vergangenen Monat um 2,7 Prozent zurück, währenddem die innerstädtischen Einkaufszentren einen noch grösseren Verlust von 3,1 Prozent zu verzeichnen hatten.

Hauptstrassen und Stadtzentren spielen eine wichtige Rolle in den lokalen Gemeinschaften, sagt Dickinson und fügt hinzu, dass “wir uns über den Anstieg der leeren Ladenfronten Sorgen machen sollten”. Es brauche einen sofortigen Zinssenkungsstopp und die Festsetzung der Übergangshilfe.

“QueerUnity” – Ein Novum für Niedersachsen

Wie die Taz berichtete soll es bald ein queeres Jugendzentrum in Hannover geben. Initiator des Projektes ist der Verein Andersraum, welcher bereits ein queeres Zentrum leitet und die Jugendlichen betreute. Jedoch war das Angebot zwecks des Mangels an Platz und Mitgestaltung eingeschränkt, weswegen es bald eigene Räumlichkeiten für queere Jugendliche geben wird. Die Stadt Hannover sagte einer Unterstützung von 50.000 Euro zu, wobei alle Parteien ausser der rechtsgerichteten AfD das Projekt willkommen hiessen. Der Name “QueerUnity” wurde dabei von den Jugendlichen ausgewählt und soll ihnen auf 120m² einen Schutzraum zur freien Entfaltung geben. Eine sinnvolle Massnahme, da queere Jugendliche in ihrem Alltag an vielen Orten Diskriminierungen ausgesetzt sind.

Hong Kong – Trump droht mit wirtschaftlichen Maßnahmen für Peking und ein Mitarbeiter des britischen Konsulats wird vermisst

Die Proteste in Hongkong dauern weiter an und nachdem letzte Woche der Hongkonger Flughafen für 48 Stunden gesperrt war und fast tausend Flüge gestrichen worden sind, warnt Trump die chinesische Regierung vor einem gewalttätigen Einschreiten gegen die Demonstranten. Er twitterte am 14. August, dass er sicher sei, falls der chinesische Präsident Xi das Hongkong-Problem schnell und human lösen wollen würde, könne er das. Außerdem ließ Trump am 18.August verlauten, dass es für ihn “sehr schwierig” sei sich auf ein Handelsabkommen mit China zu einigen, falls Xi keine friedliche Lösung für die nun schon seit fast 3 Monaten andauernden Proteste in Hongkong finde. Angesichts zunehmender Polizeigewalt und willkürlichen Verhaftungen, sowie Truppenbewegungen nahe der Grenze zu Hongkong, stellt sich tatsächlich die Frage, wie weit China gehen wird. So soll die chinesische Regierung mit dem Verschwinden eines britischen Konsulatsmitarbeiters in Verbindung stehen, wie die britische Zeitung “The Guardian” berichtete. Der Mann wird seit dem 8. August vermisst, seitdem er nach einem Treffen im südöstlichen Teil Chinas gelegenen Shenzhen die Grenze zu Hongkong überschreiten wollte. Das Verschwinden des Mannes steht wohl im Zusammenhang mit der Warnung Pekings, London solle sich nicht in die aktuelle Lage einmischen.

Stadt und Mobilität

Mailands E-Scooter müssen vorerst weichen

Mit Ausnahme von privat genutzten E-Tretrollern müssen alle andern, von Sharing-Anbietern bereitgestellten Scooter innert drei Tagen aus dem öffentlichen Raum entfernt werden, lautete die Anweisung der Kommunalverwaltung am 14. August. Diese Information wurde von einer Pressesprecherin gegenüber der deutschen Presse-Agentur nach einem Bericht der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera bestätigt, und im Tagesspiegel veröffentlicht.

Bis zur Wiederaufnahme der Tretroller-Vermietung brauche es weitere Regelungen, die in den kommenden Wochen ausgehandelt werden sollen – um ein sicheres Angebot zu schaffen. Bisher ist das Fahren dieser Vehikel auf maximal sechs Stundenkilometer in der Fussgängerzone beschränkt. Künftig sollen sie aber auch auf Fahrradwegen oder in 30er Zonen mit bis zu 20 km/h herumrollen können (unter Voraussetzung einer genügend grosser Anzahl an Hinweisschildern).

In Paris ist der Gebrauch von E-Tretrollern ebenfalls eingeschränkt. Auf Gehwegen sind sie nicht mehr zugelassen. Anfang August schrieb der Tagesspiegel, dass auch die Bürgersteige Berlins von den Scootern befreit werden sollen; unter anderem hat die Polizei dort bereits 38 Verkehrsunfälle registriert.

Urbaner Raum und Aneignung

#Besetzen will sich Ende September Berlin zurückholen

Auf dem Twitter-Account der BesetzenBerlin, einer losen Gruppe von Hausbesetzern, welche in Bezug zum Hashtag #besetzen stehen, wurde am 14. August eine Pressemitteilung veröffentlicht. So sollen im Rahmen der Aktionstage “Tu mal wat!” vom 26. – 29. September verschiedene Häuser besetzt werden. Unter dem Motto “Stadt von Unten” setzen sich die Aktivisten dafür ein, die Bedürfnisse der ansässigen Menschen, sowie eine grössere Mitbestimmung im Zusammenhang mit der Stadtgestaltung in den Vordergrund zu stellen.

Raumkontrolle

Kameras in U-Bahn-Wägen Stockholms: Ein Segen für alle?

The Local informiert: Die Bahnsteige werden bereits überwacht, was zu einer Einbusse von Kriminalität geführt habe, so Regionalverkehrsrat Kristoffer Tamsons. Nun sollen in den 271 Stockholmer U-Bahn-Wägen Kameras installiert werden, damit auch Vergehen innerhalb der Waggons auf frischer Tat erfasst werden können. Bei Bedarf helfen die Kameras, welche mit dem Sicherheitszentrum des öffentlichen Nahverkehrs in Stockholm verbunden sind, auch den Fahrgästen.

Normalerweise müssen öffentliche Verkehrsbetriebe in Schweden eine Genehmigung beantragen, um Kameras in öffentlich zugänglichen Bereichen zu installieren. Das Stockholmer U-Bahn-Netz bildet da jedoch eine Ausnahme.

Wo ist Steve ? Betroffene des fatalen Abends packen aus

In der nah am Atlantik gelegenen französischen Stadt Nantes führte ein umstrittener Polizeieinsatz während der Fete de la musique zu medialer Aufmerksamkeit. Das Fest der Musik ist eine Veranstaltung, an welcher in ganz Frankreich bis spät in die Nacht musiziert und gefeiert wird. Doch dieses Jahr sollte ein dunkles Ereignis den sonst so lebensfrohen Verlauf beschatten. Am Rande des stark fliessenden Flusses Loire feierten junge Menschen zu elektronischen Beats, als die Polizei ohne Vorwarnung entscheidet die Feier zu beenden. Im Nachfolgenden wurden dem Verein Media’Son zufolge 33 Tränengas- und 10 Dispersionsgranaten sowie 33 Schüsse mit Flashballs/LBD (Gummigeschosse, welche seit dem Beginn der Gilets Jaunes-Bewegung eingesetzt und zu 14 verlorenen Augen führten) verwendet.

Absolut unvorbereitet auf diesen überproportionierten Gewaltakt von Seiten der Polizei führte dies zu einer Massenpanik mit fatalen Folgen. Die Zeitung Le Journal du Dimanche erhielt Einblicke in 148 Aussagen von Betroffenen und schildert die Eindrücke des fatalen Abends, an dem 14 Personen in die Loire fielen. Darunter Steve Maia Canico, welcher in den Strömen des Flusses ertrunken ist. So wird die Situation als äusserst chaotisch beschrieben: Menschen, welche zuvor schliefen, wachten in einem Nebel von Tränengas auf, während von überall her Schreie ertönten.

Die französische Polizei gerät damit immer mehr in Kritik, da bereits während der Bewegung der Gilets Jaunes ein extrem hohes Mass an Polizeigewalt festgestellt wurde. Kontrovers: Die IGPDN, die französische Kontroll- bzw. Aufsichtsbehörde für Polizeikräfte, sehr effektiv bei der Verfolgung von Beamten welche zum Beispiel Material stehlen oder den Ruf der Polizei beschmutzen, scheint jedoch auf der anderen Seite nicht in der Lage zu sein, Polizeigewalt zu erkennen.

Stadt und Umwelt

Blue City Projekt als Aushängeschild für Rotterdams Nachhaltigkeitsplan

Das BlueCity-Projekt in Rotterdam zielt auf die Wiederverwertung von Abfällen ab. Ein ehemaliges Wellness-Luxus-Spa in der Stadt Rotterdam wurde in ein riesiges High-Tech-Labor für Abfallrecycling umgewandelt. Ingenieure, Biowissenschaftler, Züchter, Brauer, Archäologen, Caterer, Zimmerleute, Geschichtenerzähler und Designer sind hier unter einem Dach untergebracht, um ein Ökosystem zu schaffen, das Ressourcen teilt und Abfälle in einem Versuch “kreisförmiger Wirtschaft” wiederverwendet. Kunststoff und Metall werden zerkleinert und mit Hilfe von 3D-Druckern als brandneue Produkte wiedergeboren. Würmer kompostieren den gesamten organischen Abfall in BlueCity. Dieses Projekt zielt darauf ab, eines der größten Probleme unseres Jahrhunderts zu lösen, nämlich die enorme Menge an Kunststoffabfällen, die die Menschheit produziert. Weltweit werden nur weniger als 10% davon recycelt. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass es nicht nur Künstler gibt, die auf dieses Thema aufmerksam machen, sondern auch die Gemeinden beginnen zu handeln. Rotterdam plant, bis zum Jahr 2050 eine Führungsrolle in der kreisförmigen Wirtschaftsbewegung einzunehmen. Und es gibt noch mehr gute Nachrichten: Rotterdam ist nicht die einzige Stadt mit kreisförmigen Innovationszentren in Europa. Es gibt De Ceuvel in Amsterdam, CRCLR in Berlin, SPACE10 in Kopenhagen oder Sustainable Workspaces in London.

In eigener Sache – Journalismus

Frankreichs Journalismus in der Krise ?

Die französische Verwertungsgesellschaft für das Urheberrecht von Autoren, die SCAM hat zu Anfang des Jahres 3771 Journalisten zu ihrer Situation und Meinung über ihr Berufsbild befragt. In dem daraus entstandenen Papier mit dem Titel: Journalisten – Autoren oder Zulieferer von Inhalten? wurden dabei mehrere eklatante Probleme festgestellt. In unserem Artikel: Ist die Pressefreiheit in Gefahr? hatten wir uns bereits diese Frage gestellt. Mit dem Bericht der SCAM wird das Problem jedoch auf mehreren Ebenen deutlich.

Der Bericht hebt dabei hervor, dass vor allem die Arbeitsbedingungen und Prekarität ein zentrales Problem darstellen. Die Arbeitswelt eines französischen Journalisten hat sich dabei die letzten Jahre stark verändert. Wo einst Festanstellung gang und gäbe waren, ist es nun das Freelance. Der Vorteil für die Arbeitgeber: Keine Sozialabgaben sowie zusätzliche Vergütungen wie das 13. Gehalt. Für Journalisten jedoch heißt dies allzu oft aus finanziellen Gründen Nebenjobs einzugehen. Besonders schlimm trifft es dabei Frauen, welche weniger Gehalt bekommen und oft von Posten zu Posten geschoben werden.

Aber auch das allgemeine Berufsimage ist ein großer Punkt der Unzufriedenheit. Dies kann dabei die Prekarität sein, welche im Gegensatz steht zum prestigereichen Bild des Journalisten, aber auch im Fall der Freelancer, der Sachverhalt, das in den Mediensitzen die Inhalte zurecht geschnitten werden und dabei wichtige Videosequenzen herausgenommen werden.

Unsere Presserevue ist in Französisch und Englisch verfügbar.

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Berlin: Die BVG und Graffiti

The OKULT Graffiti leaves with the subway. Letters in Blue and grey Fill Ins and red Outlines.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind zuständig für die U-Bahnen, Straßenbahnen und Omnibusse in Berlin und dem angrenzenden Umland. Dabei verwalten sie das größte U-Bahn-Netz im deutschsprachigen Raum. Doch neben dem markanten Gelb der Bahnen sind sie inzwischen auch weltweit für ihre farbenfrohen Graffitis bekannt…

Gegenüber der lokalen Zeitung Morgenpost zeigte sich die BVG-Chefin Sigrid Nikutta entrüstet über die zunehmenden Vandalismusakte an den Panels der Bahnen. So ist in dem Artikel der Morgenpost zufolge statistisch gesehen jede U-Bahn davon betroffen – und das alle 2 Monate. Ungefähr auf den Monat heruntergerechnet, macht dies um die 650 Graffitis im Monat, bei einer Fahrzeugflotte von ungefähr 1300 Wagen.

“Weil wir dich lieben”

Werbespruch einer BVG-Kampagne

“Weil Sie es lieben”: Die Berliner Verkehrsbetriebe wurden von einem internen Skandal erfasst. Es kam heraus, dass Sicherheitsmitarbeiter nicht eingegriffen hatten, obwohl die Sprüher auf frischer Tat ertappt worden waren. Graffiti gehört wohl einfach zu Berlin.

Am 29. Juni ging es dabei so richtig zur Sache: Dreizehn besprühte U-Bahn Wagen und eine bemalte Gesamtfläche von 240 Quadratmetern waren das Ergebnis. Und solche Spitzentage können schnell wiederholt werden. Allein zwei Monate zuvor, am 1. April während dem Generalstreik der BVG, brachen sie alle Rekorde. Ein farbiges Endergebnis von 140 besprühten U-Bahnwagen war die Folge. Einige Sprüher bekundeten damals Solidarität mit den Bahnern und zierten die U-Bahn-Wägen mit politischen Sätzen.

“Weil wir dich lieben” – Die prämierte Werbekampagne der BVG (für Copyright-Verletzungen bekannt) ist eine starke Botschaft, die Sprüher teilen. Der Lack auf dem Gelb und das Wandern durch die Bahn-Schächte, wie können Sie die U-Bahn nicht lieben? 2017 setzte die Crew ZGM den Spruch in einem Wholecar, einem gänzlich bemalten Wagen um, der am Ende von ihrem Video zu sehen ist (05:03).

Doch zumindest nicht allein

Nicht nur die Berliner Verkehrsbetriebe sehen sich mit immer mehr Graffiti konfrontiert. Auch die Deutsche Bahn und im Fall von Berlin die Ring-Bahn können ein Liedchen von dem Lack auf ihren Zügen singen.

Der Artikel ist in Englisch und Französisch verfügbar.

Paris: Wenn die Straße spricht – Black Lines

Streetart-mural. On a length of 10 meters the french artist Vince realized a hand holding a huge sign. On it written stands: Auto-Censure.

Die Bewegung der Gilets Jaunes hat ein starkes Bedürfnis sich auszudrücken. Sei es bei Demos durch bunte Schilder und Verkleidungen – oder Taggs an den Wänden. Die Graffiti-Szene nutzt natürlich die Gelegenheit, der Straße eine Stimme zu verleihen, und so trafen verschiedene Künstler in der Black Lines Community zusammen, um sozialkritische Wände im Kontext der Gelb-Westen zu gestalten. Die Graffiti-Jam fand im Mai an der Rue Ordener im 18. Arrondissement im Norden von Paris statt.

Zu Beginn des Jahres hatte Black Lines bereits eine erste lange Wand mit verschiedenen Künstlern gestaltet. Damals war das Leitthema “hiver jaune”, welches gelber Winter bedeutet. Jedoch reagierte die Verwaltung des 19. Bezirks schnell und ließ die Wand grau überstreichen. Eines der Bilder, welches damals Polemik schürte, war die Freske des Boxers Christophe Dettinger, das von dem Künstler Skalp realisiert wurde. Dettinger hatte auf einer Brücke in Paris die Polizei mit Fausthieben zurückgedrängt.

Ist hier etwa eine Verschwörung im Gange ? Black Lines trifft sich wieder an der Ordener.

Die Handlung von der Stadt wird jedoch von den Kunstschaffenden als Zensur wahrgenommen. Klar, dass sich dies die Künstler nicht gefallen lassen – und so geht es in die nächste Runde. In der Freske von Monsieur Plume /RC/OTM versammeln sich schwarz verhüllte Gestalten um einen Tisch, auf welchem ein rotes Buch liegt, nach dem eine Person zu greifen scheint. Die Gruppierung schwarz vermummter Gestalten geben den Anschein, als ob eine Verschwörung im Gange ist. Zum linken Rand liegt eine vereinzelte Sprühdose auf dem Tisch, während auf der anderen Seite ein Vermummter mit Schläger neben einer stehenden Person sitzt, die das Wort ergreift. Worüber diese Personen diskutieren ist nicht zu erfahren. Dafür aber hebt sich das leitende Thema der Black-Lines Edition deutlich hervor: Zensur und Meinungsfreiheit. Mit dabei: Slyz, bricedu, Torpe und Vince.

Die Gewalt

“Les graffeurs sortent les bombes – l’état sort le Karcher.”

Die Sprüher holen die Farbbomben – Der Staat den Kärcher by Slyz

Die allsamstäglich wiederkehrende Gewalt ist ein großes Thema unter den Anhängern dieser Sozialbewegung. Dies spricht der Künstler Slyze (rechts) mit seinem Bild, einem Photo nach Bsaz, an. Auf diesem ist ein Polizist zu sehen, welcher mit einem Knüppel auf einen Demonstranten einzuschlagen scheint. “Resistance” steht auf seinem Rücken geschrieben. Die rote Banderole im Hintergrund, welche sich vor schwarzen Rauchschwaden emporhebt, sagt aus: “Die Sprüher holen die Farbbomben raus” – Ein Aufruf, die Stadt in Farbe zu tauchen, und zivil ungehorsam zu sein? Auf dem unteren Schriftzug steht: “Der Staat holt den Kärcher raus” – In Kombination zum Gewaltakt auf dem Bild kann die Anspielung auf das Hochdruckreinigungsgerät verwirrend erscheinen.

Fakt ist, dass Putzkolonnen in den Stunden nach den Großdemonstrationen aufräumen. So wie während dem 1. Mai, als direkt an erster Stelle die leeren Granatenhüllen der Flashbangs (GLI-F4) und Tränengaskartouschen, aber auch Gummigeschosse aufgeräumt wurden. Dem folgen dann Transporter, in denen die Berge an Abfall gesammelt werden. Am nächsten Tag verschwinden dabei bereits die ersten Taggs von den Wänden und Holzabschirmungen der Geschäfte und bilden Flickenmuster in der Fassade. Manche Straßenzüge werden dabei so sauber gehalten, dass nach einigen Tagen alle Spuren jeglicher Raumaneignungen verschwinden. Den Kärcher konnte Urbanauth dabei am Sonntag nach dem 16. März in Aktion sehen, als Arbeiterkolonnen die Schäden an den Champs-Elysees im Eiltempo zu reparieren versuchten.

Auf dem linken Bild ist das Abbild einer Marianne zu sehen, welches von dem Künstler Torpe gestaltet wurde. Die Marianne ist eine Symbolfigur der französischen Revolution. Das Gesicht grimmig, in einer Hand die französische Flagge und in der anderen ein Gewehr haltend, findet sie sich von Journalisten umringt. Geradezu verurteilend scheinen sie, wie sie fragen: “Die Gewaltausschreitungen, Verurteilen Sie sie?” “Also die Gewalten, verurteilen sie die?“Verurteilen Sie die Gewalt“.

Dieses gesellschaftskritische Werk kann als Darstellung des öffentlichen Druckes auf die Demonstranten verstanden werden. Die freiheitsliebende Marianne gerät in Bedrägnis und hat sich vor den Medien für die Gewalt zu rechtfertigen. So kommt ihrer Meinung nach die schwerste Gewalt vom Staat selbst, in Form von physischer Gewalt: während den Demos oder in den Vororten, aber auch in psychischer Form: Wie etwa bei Kürzungen von Sozialhilfen, der Rente oder der Schließung von öffentlichen Anlaufstellen und dem Gefühl, von der Politik nicht gehört zu werden.

Die Medien

In dem Meisterwerk des Pariser Sprühers Vince halten auf eine zehn Meter lange Fläche zwei Hände ein rotes Schild, auf dem “Autozensur” geschrieben steht. Der Satz darunter besagt: “Diesmal wird es die Stadtverwaltung nicht wegmachen…“. Und spielt damit wohl auf die Aktion der Stadtverwaltung an, als die letzte Black Lines Zusammenkunft grau übermalt wurde. Unten rechts liest sich sarkastisch: “Angereichert an sozialer Kontrolle”. In der Bildserie ist die vollständige Größe der Freske zu sehen. Oben steht dabei: “Garantiert ohne Barbara Streisand Effekt“. Beim Barbara Streisand Effekt handelt es sich um eine unerwünschte Information, deren Vertuschungsversuche nur dazu führen, dass die Information umso bekannter wird. Dieses Effekts bedarf es dabei bei diesem Kunstwerk nicht, denn: Die Passanten reagieren alles andere als gleichgültig. Sie nutzen die Gelegenheiten, sich mit der “Autozensur” abzubilden.

Das Verhalten der Medien gegenüber der Sozialbewegung steht dabei auch stark in der Kritik. Während Ausschreitungen gegenüber Polizisten im Fokus der Medien zu stehen pflegen, werden Gewalttaten gegenüber Demonstrierenden deutlich weniger stark thematisiert. Der unabhängige Journalist David Dufresne, welcher Zeugenaussagen und Videomaterial zur Polizeigewalt seit dem Beginn der Gilets-Jaunes Bewegung sammelt, kommt Ende Mai auf nicht weniger als 803 Verstöße. Die Anzahl der Verletzten seit November übersteigt dabei inzwischen die 2000er-Marke.

Eine Frau läuft an der Graffiti-Wall an der Rue Ordener im XVIIIeme Arrondissement von Paris vorbei.

“Les Medias vivent quand la rue meurt. C’est une info, pas une rumeur!”

Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info, kein Gerücht!

Die Frau auf dem Bild – wohin sie wohl gerade unterwegs ist? – läuft an einem in dünnen schwarzen Linien gezogenen Fernseher vorüber. Ein Timer zeigt die Ziffern 13:12 an, während Drähte an der seitlichen Schale zu Dynamitstangen führen. Im Gerät liegen drei Karotten mit Namensschildern darunter: Eine für TF1, welche der Gruppe Bouygues gehört; eine ist für CNEWS, die in Verbindung zur Gruppe Bolloré steht; und die letzte geht an BFM(-TV). Diese drei Fernsehsender gehören privaten Investoren. Mit darunter versammelt die Crème de la Crème der französischen Wirtschaftselite: Vincent Bolloré, Martin Bouygues…

Nicht umsonst skandiert ein Schriftzug auf der oberen Seite: “Die Medien leben, wenn die Straße stirbt. Das ist eine Info. Kein Gerücht!“. Denn während an den Krawallsamstagen des 1., 8. Dezember 2018 und 16. März 2019 die Zuschauerzahlen bei den Fernsender durch die Decke gingen und Moderatoren heiß liefen, gilt es anzumerken, dass nicht alle Medien verhasst sind. So haben die Gilets Jaunes Respekt vor unabhängigen Journalisten, welche von staatlicher Seite eingeschüchtert werden. Wir berichteten darüber.

Was wird aus der Meinungs- und Pressefreiheit?

Das Straßenschild “Platz für die Meinungsfreiheit”, einem aufgeklebten Poster, ist auf dem linken Bild von Stacheldraht umgeben. Zwei Überwachungskameras deuten dabei sinnbildlich auf die steigende Überwachung, während ein kleiner, schelmisch lächelnder Bär unter dem Schild sitzt und eine Granate in der Hand hält. Als Zuschauer ist man versucht sich zu fragen, wann diese wohl hochgeht.

Bei der Guillotine, einer Erfindung aus den Zeiten der französischen Revolution, handelt es sich um ein Fallbeil, mit dem unter anderem der König Ludwig XVI geköpft wurden. Dieses ist im linken Bild auf einen Bleistift gerichtet, auf dem der Name des veranstaltenden Vereins steht. Während die erste Graffiti-Jam unter dem Motto: “Gelber Winter” von der Stadtverwaltung grau überstrichen wurde, liegt der Fokus der letzten Jam auf der Meinungsfreiheit.

Die Künstler wurden in ihrer Ehre angegriffen – doch nicht nur von Seiten der Graffiti-Szene ist die Unzufriedenheit spürbar. In einem offenen Brief Anfang Mai rief das Kollektiv YellowSubmarine dazu auf, sich mit sozialen Protestbewegungen zu solidarisieren und nicht vor den Gewalttaten wegzuschauen. Das Kollektiv besteht aus Künstlern verschiedener Disziplinen. Ihre Petition verzeichnet inzwischen über 26.000 Unterschriften.

Da ist aber jemand wütend. 600 Milliliter Neongelb ins Gesicht.

Und auch der Künstler, bei dem es sich möglicherweise um Koz1 handelt, scheint die Geduld mit dem Staat verloren zu haben. So stopft in Hip-Hop Kleidung sein wütender Affe einem karikaturesken Präsidenten eine 600- Milliliter High Pression-Sprühdose in den Mund. Natürlich in Neongelb. Das fetzige “GJ“-Graffiti im Hintergrund, die Initialen der Bewegung. Auf der vom malträtierten Staatsmann weg-wehenden Krawatte steht: “Kunst ist öffentlich. Marsch zurück.” Das “En marche arrière” nimmt dabei Gegenstellung zum Namen der regierenden Partei: “La République en marche” (/LREM), welches näherungsweise mit “Die Republik in Bewegung” übersetzt werden kann. Eine Ansage, die möglicherweise in Bezug zu den Kürzungen im Budget von Bildung und Kultur, sowie einer gefühlten Degradierung der Arbeitsbedingungen zu tun hat.

Aber…

Jemand hat noch ein Wort mitzusprühen

Graffiti? Gilets Jaunes? – Okay

Aber hier? – Falsche Adresse

TPK, unter anderem bekannt als The Poor Kids – eine der berüchtigsten Graffiti-Crews der französischen Hauptstadt, waren nicht so ganz einverstanden mit Black Lines. Die Crewmitglieder: Relax, Craze, Eby, Keas, Blod, eyome, Knyze, dkc zeigten das wenige Tage später nach der Veranstaltung. Die Hall of Fame an der rue Ordener ist dafür bekannt, den alteingessessen Sprüher-crews zu gehören. Greenhorns und Fremde sind unerwünscht. Auch wenn die Graffiti-Szene der Gilets-Jaunes Bewegung im Nahe steht, da die unvorhersehbare Menschenmenge den Sprühern Deckung gibt. Und auch wenn die Stadt für sie samstäglich zum Spielplatz wird, so sind die Wände an der rue Ordener von hoher Bedeutung für die eingessenen Crews. Thematisch passend wird dabei im ersten Bild in gelb und nachlässigem Buchstabenstil über das Werk gesprüht. Die verschonte Botschaft besagt: “Die Revolution ist die Offenbarung am Horizont”.

Auf dem zweiten Bild ist die Aussage des Künstlers Adam Yuul ebenfalls erspart geblieben. In roter Schrift warnt er vor drei Epidemien: Castagnitis, Rugyole und Penicose. Die erste ist auf Christophe Castagner, seines Zeichens Innenminister und Parteivorsitzender der LREM bezogen, während mit Francois de Rugy der Umweltminister und Muriel Pénicaud die Arbeitsministerin bezeichnet werden. Im Zusammenhang mit den Forderungen: Inneres – man denke an die Polizeigewalt und provisorischen Gewahrsame sowie Überwachung. Ökologie – welche Macron in seinem Wahlprogramm bewarb, ohne Erfolge vorzuweisen. Arbeit – eines der Grundmotive für die Entstehung der Gilets Jaunes ist die sinkende Kaufkraft in Verbindung mit den Löhnen und den großen strukturellen Unterschieden im Land. Die Freske kann dabei als Kritik an der neoliberalen Wirtschaftsausrichtung der regierenden Partei verstanden werden, weswegen der Künstler abschließend warnt, nicht ohne die gelbe Weste aus dem Haus zu gehen.

Der Artikel ist in Französisch und Englisch verfügbar. Bildmaterial von Urbanauth. Anmerkung: Die Schriftzüge und Zitate auf den Wänden wurden frei übersetzt und an das Deutsche angepasst. Die Bildinterpretation ist nur eine von mehreren möglichen Betrachtungswinkeln.

Europe: L’Europan 15 – Sous le signe de la ville productive

Les résultats proche d'une architecture comme à Saint Ouen (93)? On ne le sait pas encore.
Le Logo de l’Europan

L’Europan 15 fête ses 30 ans ! Ce concours d’idées d’architecture et d’urbanisme suivi de réalisations autour d’un thème commun veut repenser la ville et promouvoir des solutions communes et s’adresse aux jeunes professionnels de moins de 40 .

Chaque année, un réseau de 250 villes et de 20 pays d’Europe libèrent de l’espace et des fonds pour des projets innovants. Le thème de cette année : La ville productive 2.0.

Ainsi, l’Europan réitère l’exigence de la 14. édition de 2017 et met en avant le développement urbain dans sa complexité et son importance sociale. La date limite d’inscription est fixée au 29 juillet et sera suivie de la publication de la liste finale des participants.

Harmoniser l’architecture, les quartiers et la ville dans son ensemble, tout en préservant les ressources, est un vrai défi pour les architectes. Les processus de transition jouent un rôle tout aussi important que la construction de résidences écologiques.

Le bois comme élément de construction redevient à la mode. Un bâtiment public à Saint Ouen dans le 93

La Ville Productive – Une économie circulaire

Dans ce contexte, les candidats doivent réfléchir à la synergie entre la ville et les lieux de production. De même, l’importance est attachée à “Changer le Métabolisme”. L’établissement de circuits circulaires est un objectif. Cela peut prendre la forme d’une réutilisation des espaces entre le logement et la production et comprend les terrains résiduels ou les structures urbaines abandonnées.

Dans le sens d’une économie circulaire, les ressources sont retournées dans le cycle par recyclage ou retraitement. Le matériel existant est destiné à être utilisé plus efficacement dans le sens de l’économie solidaire. Les offres de covoitur-es /-age et les services de location d’outils peuvent être cités à titre d’exemples concrets.

Dans une optique d’innovation ouverte d’Open Innovation, le développement de produits s’ouvre à un spectre plus large et implique ses utilisateurs. Au niveau politique local, cela peut renforcer la participation et la cohésion sociale avec les plateformes citoyennes démocratiques locales Open Source telles que Decidim à Barcelone.

La relation entre la fonction et l’utilisation, et la ville en tant qu’écosystème, fait partie des considérations sociales. L’interaction entre l’ancien et le nouveau, les citoyens et leur environnement est au centre des préoccupations d’Europan. La ville productive veut se détacher de la vision dualiste et considère la ville de demain comme un lieu de synergie.

Pas l’Europan, mais dans l’esprit du temps. Certains des projets Europan 15 pourrontient-ils ressembler à ceci ? Saint Ouen dans le 9

Ressources, mobilité et équité

Adopter des solutions collectives : L’accent est mis sur trois thèmes principaux: Ressources, mobilité et équité.
Ressources – Dans le contexte de l’efficacité, de la consommation et de la pollution. La question est de savoir comment les traiter et comment les distribuer.
Créer la proximité dans l’espace urbain, réduire les distances et faciliter l’accès aux endroits de la ville productive sont les objectifs fixés pour permettre une plus grande mobilité.
Par équité, on entend la façon dont l’égalité spatiale peut contribuer à la justice sociale et dont les deux peuvent être reliées. L’accent est mis sur l’harmonie entre les zones urbaines et rurales, ainsi qu’entre les riches et les pauvres.

Europan 2019 rejoint ainsi pour la 15ème fois la recherche progressive pour des approches spatiales durables et pense la ville de demain.

Divisions spatiales

Les espaces à aménager sont à leur tour décomposés en trois tailles d’unité spatiales différentes : XL, L, S

La taille XL indique l’espace de manœuvre le plus large, ce qui peut également affecter les espaces entre les villes. Cela inclut la relation entre les zones urbaines et rurales. L’enjeu est d’examiner les relations entre les différents cycles au niveau régional et local.
La taille L concerne les quartiers urbains, où les pensées tournent principalement autour des quartiers urbains. Il s’agit de zones qui se distinguent naturellement de leur environnement.
Au micro-niveau S, sont traitées les interventions qui se réalisent le plus rapidement et qui peuvent avoir un effet temporaire.

Balance ta friche industrielle

Populaires en Europe centrale auprès des participants de l’Europan – les anciennes villes industrielles.

En France, Marseille est à l’avant-garde avec ses immeubles délabrés. Avec Romainville et Champigny-sur-Marne, deux banlieues de la région parisienne y participent également. Mais un candidat se démarque : Auby, une petite ville de 7600 habitants a été élue – une ville qui est aussi le plus grand producteur de zinc du pays. Elle est située dans le nord de la France, dans une région structurellement faible. En Belgique, la ville francophone de Charleroi rejoint également les villes anciennement industrialisées qui attendent avec impatience ces aménagements de l’espace urbain.

En Allemagne, outre Selb (Haute-Franconie), les villes du Bergische Land: Hilden, Ratingen, Solingen et Wülfrath participent ensemble à la conception d’une “Bergische Siedlung“. Des terres agricoles et d’anciens sites industriels seront aménagés dans le cadre de cette coopération. Dans ce projet d’envergure, on retrouve toutes les dimensions d’unités spatiales. En outre, un accent particulier sera mis sur l’intégration de l’histoire industrielle locale et régionale dans le nouvel ensemble.

Solingen en Allemagne

Dans l’exemple de la ville Solingen figurant sur l’image aérienne, la zone activement développée est encadrée en jaune. La ligne rouge décrit la plus grande zone de visualisation et reflète le projet dans son champ d’influence. La ligne bleue représente la portée du concept de développement urbain intégré.

Il n’est pas pour rien que la coopération “Zwischen Rhein und Whupper” (Entre le Rhin et le Whupper) a mis a disposition des villes avec des industries textiles et métallurgiques autrefois fortes. Dans le cadre de l’un de leurs projets pilotes, des projets de développement de quartiers tournés vers l’avenir sont confortés. Les zones sélectionnées sont situées dans une zone où l’expansion des transports publics est envisagée.

Photos symbolique de Saint Ouen : Vincent/ Urbanauth – Photos de Solingen: Europan Allemagne